MARIONETTENTHEATER SCHWANDORF

Das Marionettentheater in Schwandorf


Die Höflingerschule in Schwandorf ist ein geschichtsträchtiger Ort — auch wenn sie selbst längst Geschichte ist — denn hier liegen die Wurzeln des Marionettentheaters in Schwandorf, damals als „Höflinger Marionettenbühne“ bekannt. 

Im Rahmen des Kunst- und Werkunterrichts fertigen SchülerInnen der 8. und 9. Klassen gemeinsam mit ihrem Kunsterzieher Raimund Pöllmann regelmäßig Marionetten. Bald kommt aber der Wunsch auf, im Rahmen einer Theateraufführung diese Puppen lebendig werden zu lassen. 

So entsteht im Sommer 1977 als erstes Marionettenstück in Schwandorf: „Der Krämerskorb“ nach Hans Sachs.

Mit der Auswahl der Stücke wird damals bereits deutlich, dass sich das Marionettentheater nicht als reines Theater für junges Publikum versteht, sondern ein Theater für alle Altersgruppen ist. In den folgenden zehn Jahren stehen Stücke von Hans Sachs, Sigfrid Färber und Andreas Gryphius u.a. auf dem Spielplan. Durch den Erfolg dieser Theatergruppe wird an der Höflingerschule sogar das Fach Schulspiel mit zwei Unterrichtsstunden für die Marionettengruppe eingeführt.

Im Frühjahr 1988 holt Heiner Riepl, der Leiter des neu gegründeten Oberpfälzer Künstlerhauses, das Theater, das sich inzwischen „Schwandorfer Marionettentheater“ nennt, in das Dachgeschoß seines Hauses. Es wird eine eigene Bühne geplant, im Dezember 1988 erstmals aufgebaut und bespielt. 

Die Anzahl der Aufführungen steigert sich von Jahr zu Jahr. Es gibt am Wochenende Familienvorstellungen und unter der Woche Veranstaltungen  für Kindergärten und Schulen. Raimund Pöllmann verwendet anfangs zahlreiche Kasperlkomödien von Franz von Pocci, die er aktualisiert. Ein weiteres Highlight sind die Klassiker für Erwachsene. Ob nun Molière, Carlo Goldoni, William Shakespeare, W. A. Mozart, Oscar Wilde, Max Frisch und Ferdinand Raimund,  Pöllmann bearbeitet die Stücke für das Marionettentheater. In manchen Jahren finden während Spielzeit — November und Dezember — bis zu 32 Aufführungen statt. 

In einer Pressekonferenz Anfang der 1990er Jahre rühmt der damalige Oberbürgermeister Hans Kraus das „Schwandorfer Marionettentheater“ als „entscheidende Bereicherung des Schwandorfer Kulturprogramms“. Im Zuge dieser Pressekonferenz legte Raimund Pöllmann auch seine „Philosophie“ des „Schwandorfer Marionettentheaters“ vor: künstlerische und vielseitige Unterhaltung für alle Altersgruppen der BewohnerInnen der Region zu bieten. 

Im Jahre 2015 erhält das „Schwandorfer Marionettentheater“ den Kulturpreis des Bezirks Oberpfalz in der Kategorie Kleinkunst. Bezirksheimatpfleger Dr. Tobias Appl würdigt bei der Überreichung der Urkunde am 1. Oktober 2015 das Theater und bestätigt, dass es „einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben der Region“ leistet. 

Die Figuren werden von Raimund Pöllmann, zunächst gemeinsam mit seinen SchülerInnen erarbeitet. Es sind modellierte Köpfe aus Pappmaché mit geschnitzten Körpern, Händen und Füßen. Ab 1991 mit der Produktion „Bastien und Bastienne“ schnitzt Pöllmann auch die Köpfe der Marionetten. Seine Frau Christine übernimmt bereits 1979 die Bekleidung der Figuren, zunächst als Kostümchoach der SchülerInnen, später eigenständig dem Zeitstil des gewählten Stückes entsprechend. 

Auch die Kulissen und das ganze Zubehör für eine Aufführung werden in der eigenen Werkstatt gebaut und gemalt.

Die Hörspiele der Stücke werden im eigenen Tonstudio aufgenommen, anfangs  mit einem Tonbandgerät, gefolgt von Kassettenrekordern hin zum digitalen Tonstudio. Ebenso verbessert sich die Beleuchtungsanlage über die 40 Jahre hin zum digitalen Lichtpult.

Das Ehepaar Pöllmann wird in den nun über 40 Jahren nicht nur von treuen MarionettenspielerInnen und theaterbegeisterten FreundInnen begleitet, sondern integrierte von Anfang an die beiden Söhne Sebastian und Michael, die auf diese Weise ihre Begeisterung und Liebe für das Theater entwickeln.

2018 zum 80 Geburtstag von Raimund Pöllmann wird die Basis für einen eigenen Theaterbau gelegt. Planungen für den Umbau eines städtischen Gebäudes zu einem Marionettentheater werden von der Stadt Schwandorf getroffen.


Im Juli 2019 gründet sich das „Marionettentheater Schwandorf“ als Trägerverein  zusammen mit einem Förderverein zur Umsetzung eines ganzjährigen Spielbetrieb im eigen Haus. Gleichzeitig findet ein Generationenwechsel in der künstlerischen Leitung des Theaters statt. Sohn Michael Alexander, der eine Ausbildung zum Schauspieler in Wien absolvierte, tritt nun in die Fußstapfen seines Vaters. 

Er übernimmt damit nicht nur ein in der Region gut etabliertes Marionettentheater sondern auch die Verantwortung für die mehr als 600 Marionettenfiguren und die liebevoll gemalten Kulissen und Requisiten. 

2020 ergänzt als zusätzliche Bildhauerin die Wiener Künstlerin Scarlet Köfner die Figurenwerkstatt des Marionettentheaters.

Mit dem Coronajahr 2020 bekommt das Marionettentheater wiederholt eine neue Bühne, die nun zusätzlich zum Spiel der Fadenmarionetten, auch den Einsatz von Stabfiguren, Tischmarionetten und vieler anderer Arten der Theaterpuppen ermöglicht.